
Viertel vor sieben, Bürgeramt Neukölln. Nadia versteht allmählich, warum hier alle eine Thermoskanne dabeihaben. Hinter ihr wartet Timo mit dem gelassenen Blick eines Menschen, der das schon durchgestanden hat.
Timo: Lass mich raten. Anmeldung?
Nadia: Genau die. Zwei Wochen in Berlin, und ohne Anmeldung läuft nichts: kein Konto, kein Arbeitsvertrag.
Timo: Willkommen in Berlin. Hier kriegst du eher Karten für ein ausverkauftes Konzert als einen Termin beim Bürgeramt.
Nadia: Und du? Du stehst hier sicher nicht zum Vergnügen um diese Uhrzeit.
Timo: Ich pflege sozusagen eine Tradition. Punkt sieben spuckt das Portal die stornierten Termine aus. Wer zuerst klickt, mahlt zuerst. Ab 6:58 aktualisierst du im Sekundentakt.
Um 6:58 balanciert Nadia ihren Kaffee auf dem Unterarm. Die Anzeige flackert.
Nadia: Da ist einer! Heute, 11:20 Uhr. Ich habe tatsächlich einen Termin ergattert.
Timo: Respekt, beim ersten Anlauf. Dann fehlen dir nur die Unterlagen: Pass, ausgefülltes Formular und die Wohnungsgeberbestätigung.
Nadia: Pass und Formular habe ich. Was bitte ist eine Wohnungsgeberbestätigung?
Timo: Die schriftliche Bestätigung deines Vermieters, dass du bei ihm wohnst. Ohne die schicken sie dich wieder nach Hause: freundlich, aber gnadenlos.
Nadia: Dann habe ich ein Problem. Mein Vermieter ist seit einer Woche wie vom Erdboden verschluckt.
Timo schaut auf die Uhr, dann auf Nadia; das Grinsen ist verschwunden.
Timo: Na gut. Dann bleiben uns jetzt exakt vier Stunden.