
Neun Uhr zwölf, und Herr Lindner bleibt spurlos verschwunden. Nadia klingelt zum dritten Mal, Timo studiert derweil die Klingelschilder nach dem Verbleib eines Vermieters.
Timo: Komm mit. Wenn in diesem Kiez jemand etwas weiß, dann Katja. Ihr Späti ist die inoffizielle Anlaufstelle der Weserstraße.
Hinter der Theke stapelt Katja Pfandflaschen zu wackligen Türmen.
Katja: Lindner? Der ist nicht verschwunden. Der verkrümelt sich bei dem Wetter in seine Laube. Kleingartenkolonie am Weigandufer, Parzelle zwölf.
Nadia: Unglaublich. So etwas erfährt man nicht von der Hausverwaltung, sondern an der Kasse eines Spätis.
Die Kolonie ist ein Labyrinth aus Hecken. Parzelle zwölf: Herr Lindner, seelenruhig im Liegestuhl.
Nadia: Herr Lindner! Ich brauche bis elf Ihre Unterschrift, sonst platzt mein Termin beim Bürgeramt.
Lindner: Und ich dachte, hier draußen findet mich keiner. Sehen Sie die Tomaten? Ordentlicher aufgereiht als meine Mieter.
Er verschwindet wortlos in der Laube und kehrt mit einem abgegriffenen Ordner zurück.
Lindner: Wohnungsgeberbestätigung, nehme ich an. Sie sind die Dritte diesen Monat; die Formulare habe ich auf Vorrat.
Nadia: Sie ahnen nicht, was Sie mir ersparen. Es ist 10:41, bis zum Amt zwanzig Minuten, falls die U8 mitspielt. Auf den letzten Drücker, aber es reicht.
Timo: Entspann dich, die fährt alle fünf Minuten. Der planbarste Teil dieser Stadt.
An der Treppe zur U-Bahn dann das gelbe Schild, und Timos Gesicht verliert jede Gelassenheit: Ersatzverkehr.
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