
Bei Tageslicht ist der Zettel noch schlimmer: nummerierte Punkte, ein Aktenzeichen. Ein Aktenzeichen im Treppenhaus.
Timo: Punkt eins: Ruhestörung am Sonntag. Das warst du. Aber Punkt zwei: Restmüll in der Papiertonne. Das ist ernst.
Nadia: Der Müll war ich nicht! Ich trenne alles. Ich habe Respekt vor fünf Tonnen.
Timo: Sechs. Du vergisst das Glas, nach Farben sortiert. Und Pfand zählt nicht; Pfand ist kein Müll, Pfand ist Währung.
Am Tatort des Verbrechens: die Papiertonne. Obenauf ein Pizzakarton mit Fettflecken.
Timo: Der Pizzakarton ist die größte offene Frage. Sauber: Altpapier. Fettig: Restmüll. Halb fettig: Bürgerkrieg.
Nadia: Und was macht man gegen einen falschen Vorwurf? Klingeln und miteinander reden?
Timo: Reden? Bloß nicht. Wer redet, verliert. Du musst ein Schreiben aufsetzen. Förmlich, präzise, unangreifbar.
Eine Stunde später hängt Nadias Antwort im Treppenhaus: Hiermit werden sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen. Mit Aktenzeichen, versteht sich. Und laminiert.
Timo: Konjunktiv, Passiv, mit freundlichen Grüßen. Ich bin so stolz. Du klingst wie eine Behörde mit Gefühlen.
Am nächsten Morgen steckt ein neuer Zettel an Nadias Tür. Keine Punkte, kein Aktenzeichen. Handschrift.
Nadia: Hör zu: Der Fall Pizzakarton wurde aufgeklärt, dritter Stock, man bittet um Entschuldigung.
Darunter, kleiner geschrieben, eine zweite Nachricht.
Nadia: Sonntag, Viertel nach acht: Tatort im Erdgeschoss. Kommen Sie. Mitbringen müssen Sie nur eine Meinung zum Täter.
Timo: Nadia. Das ist keine Einladung. Das ist ein Ritterschlag.