
Seit einem Jahr wohnt Nadia in Kreuzberg, doch Timos alte Clique kennt sie kaum. An einem lauen Freitag schleppt Timo sie endlich an den Späti am Görli, wo seine Leute jeden Abend abhängen. Dort warten Micha, der mit der großen Fresse, und Jule, die noch schlagfertiger ist.
Kaum steht Nadia da, geht die Pöbelei los. “Na, schleppst du jetzt Praktikantinnen an?”, ranzt Micha den Timo an. Auch Nadia bekommt ihr Fett weg: ihre Jacke sei voll assi, ihr Deutsch klinge wie aus dem Lehrbuch. Sie lächelt tapfer, fragt sich aber, was sie diesen Leuten getan hat.
Timo drückt ihr eine Molle in die Hand und flüstert, sie solle sich keinen Kopf machen. Trotzdem bleibt Nadia steif. Als Jule fragt, woher sie komme, antwortet sie fast förmlich, und Micha prustet los: “Boah, so brav, die zerbricht ja gleich.”
Über den Abend hört Nadia genauer hin. Untereinander sind die drei noch viel ranziger. Micha nennt Timo einen verpeilten Vollpfosten, Jule kontert mit “halt die Fresse, du Ehrenmann”, und alle lachen sich schlapp. Je fieser der Spruch, desto herzlicher das Grinsen.
Dann taucht ein neuer Kollege auf, und plötzlich sind alle superhöflich. Keiner pöbelt, keiner zieht ihn auf. Der Typ zieht bald wieder ab, und Nadia versteht mit einem Schlag: Wen die Berliner Schnauze in Ruhe lässt, den lässt sie in Wahrheit draußen.
Also holt sie Luft und ranzt zurück: “Micha, ausgerechnet du redest von meiner Jacke?” Einen Moment ist es still, dann brüllt die Runde vor Lachen. Micha hebt seine Molle: “Die Olle hat eine Schnauze. Willkommen im Kiez, Diggi.”
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